Moderne Handspindeln, wie sie heute üblicherweise erhältlich sind, und mittelalterliche Spindeln unterscheiden sich in einigen Merkmalen. Einer der Hauptunterschiede ist, daß der Spinnwirtel nicht fest am Spindelstab befestigt ist, sondern nur aufgeschoben wird. Dadurch können Flexibilität: Ein Wirtel kann mit mehreren Spindelstäben verwendet werden; bei einer teilweise gefüllten Spindel kann ein Wirtel durch einen Spindelstäbe und Wirteln getrennt (und somit platzsparender) aufbewahrt und transportiert werden. Außerdem ermöglicht das System mehr leichteren Wirtel ersetzt werden. Ein mit Garn bewickelter Spindelstab könnte sogar als Schiffchen am Gewichtswebstuhl verwendet werden.
Wer an moderne Spindeln gewöhnt ist und dann auf mittelalterliche Spindeln umsteigt, hat vielleicht Bedenken, daß sich der nur aufgesteckte Wirtel beim Spinnen löst und herunterfällt. Das kann grundsätzlich zwar passieren, kommt mit der richtigen Technik aber normalerweise nicht vor.
British Library MS Additional 42130, f.60. Eine Frau schlägt einen Mann mit ihrem Spinnrocken. Die Garnbewicklung auf der Spindel ist deutlich vom Spinnwirtel entfernt und in diesem Fall ungewöhnlich kugelförmig.
Viele moderne Handspinner sind daran gewöhnt, daß der Wirtel fest mit dem Spindelstab verbunden ist, und die typische dazupassende Wickelmethode ergibt einen Kegel, dessen unteres Ende auf dem Wirtel aufsitzt. Diese Wickelmethode übt einen erstaunlich starken Druck auf den Spinnwirtel aus. Wenn eine mittelalterliche Spindel mit aufgestecktem Wirtel in dieser Art bewickelt wird, fällt der Wirtel unter Garantie irgendwann herunter.
Links eine moderne Spindel mit kegelförmiger Bewicklung, rechts eine mittelalterliche Spindel mit entsprechender Bewicklung. Die kegelförmige Bewicklung stützt sich unten am festgeklebten Spinnwirtel ab.
Die entsprechende Technik zur Bewicklung verhindert, daß der Wirtel durch das Garn weggedrückt wird. Dafür muß die Bewicklung in sich stabil genug sein, um ohne einen Gegenhalt in Form zu bleiben. Dies läßt sich leicht erreichen, indem das Garn kreuzweise statt stets parallel aufgewickelt wird. Die Bewicklung sollte außerdem ungefähr in der Mitte des freien Stabes losgehen, um genügend Platz für ein ordentlich großes Garnknäuel auf der Spindel zu haben.
Um möglichst viel Garn auf der Spindel unterzubringen, können Parallelwicklung und kreuzweise Wicklung lagenweise abgewechselt werden. So entsteht ein festes, dichtes Knäuel auf der Spindel.
Bewicklung in verschiedenen Lagen auf der Spindel: Oben ist noch die Struktur der kreuzweise gewickelten Lage sichtbar, weiter unten ist die Lage bereits durch parallele Wicklungen überdeckt.
Wenn die Spindel immer voller wird, kommt das untere Ende der Bewicklung irgendwann am Spinnwirtel an. Dann dauert es noch eine Weile, bis das Garn den Wirtel von der Spindel schiebt. Dieser Zeitpunkt läßt sich etwas herausschieben, wenn mehr im oberen Bereich des Knäuels als im unteren Bereich aufgewickelt wird.
Das Garn berührt bei dieser Spindel schon den Wirtel, übt aber noch keinen Druck aus. Die Bewicklung könnte nun eher nach oben als nach unten fortgesetzt werden. (Leergewicht der Spindel war 35,4 g, d.h. aufgewickelt sind 20 g sehr feines Garn.)
Wenn der Wirtel schließlich nicht mehr hält, kann man entweder die Spindel als voll beiseitelegen, oder mit einem kleineren Wirtel, der weiter unten auf dem Spindelstab sitzt, weiterspinnen. Auch ganz ohne aufgesteckten Wirtel kann noch weitergesponnen werden - was am besten funktioniert, läßt sich am Besten durch Ausprobieren feststellen.
Viel Spaß beim Spinnen und Aufwickeln!


